© Sarah Baldy

Fundstück

Verzeichnis von Remscheider Trunkenbolden, denen auf keinen Fall mehr Branntwein ausgeschenkt werden durfte (1866)

Fundstück des Monats Dezember 2020

Verzeichnis der Remscheider Trunkenbolde
© Stadtarchiv Remscheid
Zeitungsmeldung zur neuen Verordnung für Schankwirte
© Stadtarchiv Remscheid
Bertram Pfeiffer ehemaliger Remscheider Bürgermeister
© Stadtarchiv Remscheid

Am 15. August 1853 sah sich der damalige Remscheider Bürgermeister Bertram Pfeiffer (offenbar aus gegebenem Anlass) gezwungen, eine Polizeiverordnung zu erlassen, die dem „übermäßigen Genusse des Branntweins möglichst entgegen wirken“ sollte – dabei nahm Pfeiffer weniger die Zecher als vielmehr die Gastwirte in die Pflicht:

„Schenk- und Gastwirthe, welche einem allgemein bekannten oder ihnen von der Polizei bezeichneten Trunkenbolde … Branntwein verabreichen, verfallen in eine Polizeistrafe von 1 bis 3 Thlr.“

Im Wiederholungsfalle drohte den Wirten sogar der Entzug der Konzession.

Um gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, welchen Personen konkret bei Strafe kein Branntwein mehr ausgeschenkt werden durfte, fertigte der Polizeikommissar Ludwig Ernst ein entsprechendes  Verzeichnis derjenigen Personen, welche als Trunkenbolde allgemein bekannt sind.

Dieses Verzeichnis wurde seinerzeit unzweifelhaft an alle Remscheider Gastwirte ausgegeben, und das waren um die Mitte des 19. Jahrhunderts gar nicht wenige. Und doch ist nach derzeitiger Kenntnis nur ein einziges Exemplar davon erhalten geblieben: Es war an „Richard Becker, Ehringhausen“ adressiert und hing in dessen Gaststube über lange Jahre und Jahrzehnte an der Wand … zunächst als Orientierung, wollte Richard Becker senior doch auf keinen Fall seine Konzession verlieren. Später dann zur Belustigung der Nachgeborenen als ulkiges Kuriosum.

Als im Herbst 2020 der Betrieb der Traditionsgaststätte von seinem Besitzer, einem veritablen Nachfahren jenes Gastwirts Richard Becker senior, schweren Herzens aufgegeben wurde, erstand das Stadtarchiv dieses einzigartige Relikt aus der guten alten Zeit.

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Branntwein – vielmehr noch als Bier, das sich nicht zuletzt aufgrund seiner zunächst miserablen Qualität erst viel später in unserer Gegend als Volksgetränk durchgesetzt hatte – war dem Bergischen quasi ein Teil seines täglichen Brotes. Der Korn (Kloaren) floss durch die allzeit trockenen Kehlen der hiesigen Feilenhauer, Schmiede, Schleifer und Eisenarbeiter jener Zeit; nicht selten waren die Branntweinschenken unmittelbar an den Fabriken gelegen.

Die Folgen des übermäßigen Branntweinkonsums waren verheerend – nicht nur für die Gesundheit der Trinker, auch für die häuslichen Verhältnisse, denn die vom Verdienst und der Arbeitskraft des Versorgers abhängigen Frauen und Kinder hatten am meisten unter den Folgen der uneingeschränkten Verfügbarkeit hochgeistiger Getränke zu leiden. Natürlich blieben diese Zustände der Obrigkeit nicht verborgen. Selbst der König, Friedrich Wilhelm III., befasste sich persönlich mit der Frage, wie dem übermäßigen Branntweingenuss entgegenzuwirken sei. In der Folge kam es auch lokal zum Erlass der genannten Polizeiverordnung, und 1866 fanden sich sage und schreibe 42 Namen auf der Liste der stadtbekannten Trunkenbolde!

Einen dieser Schluckspechte möchten wir an dieser Stelle herauspicken (die Nummer 15 auf der Liste) und ein wenig über seine Person erzählen:

 

Johann Abraham Hasenclever sen.

Johann Abraham Hasenclever wurde am 23. Mai 1805 in Remscheid-Kremenholl als viertes Kind des Kleinschmieds Johann Peter Hasenclever und seiner Frau Maria Catharina Birker geboren.

Er entstammte einer der ältesten und angesehensten Remscheider Unternehmerfamilien, gehörte selbst jedoch nicht dem begüterten Zweig der Hasenclevers an: Sein Vater war Kleinschmied, sein Großvater Peter Wilhelm war Uhrmacher gewesen.

Als Abraham das Licht der Welt erblickte, war sein Brüderchen Josua erst vier Monate zuvor im zarten Alter von zweieinhalb Jahren gestorben. Es war nicht der erste Verlust, den seine Mutter ertragen musste: Auch das im Jahr 1800 geborene Schwesterchen Anna Wilhelmina wurde nur knapp ein halbes Jahr alt. So wuchs der kleine Abraham mit seiner älteren Schwester Friederika auf. Die Familie verzog um 1806 von Kremenholl ins Dorf Remscheid; dort starb das Brüderchen Josua (benannt nach dem verstorbenen ersten Jungen in der Familie) ebenfalls im Alter von zweieinhalb Jahren. Schließlich wurden noch drei weitere Kinder geboren, Theresia, Wilhelmina und Johann Peter.

Die Franzosenzeit brachte auch Abrahams Vater Johann Peter Hasenclever und seine Familie in große wirtschaftliche Not.  Am 1. Juli 1814 bescheinigte Bürgermeister Hering: „Zufolge beigebrachtem Zeugnis der Nachbarn ist der Kleinschmied Johann Peter Hasenclever seit langer Zeit ohne Arbeit und Verdienst gewesen und sitzt tief in Schulden – wegen seiner Armuth ist er außer Stande, seine Frau nebst 4 Kindern zu ernähren, vielweniger die ihm auferlegte Summe von Fr. 56:95 Cent. an Gerichts- und Untersuchungskosten, wegen thätlicher Mißhandlung … bezahlen zu können“.

Sein Vater hatte also ein Verfahren wegen Körperverletzung am Hals und zudem hohe Schulden – zu diesem Zeitpunkt war Abraham neun Jahre alt.  Er wurde Kleinschmied wie sein Vater und schlug sich recht und schlecht durch. Im Alter von knapp 24 Jahren heiratete er die zwei Jahre ältere Wilhelmina vom Lehn, Tochter des Drechslers Abraham vom Lehn zu Volkeshaus; ihre Mutter war Dorothea Halbach. Wilhelmina war eine vergleichsweise gute Partie, und Abraham wurde in der Folgezeit Vater von sieben Kindern: Gustav, Selinda, Bertha, Johann Abraham jun., Luzinde, Mathilde und Julius.

Wie man sieht, ist der Name Abraham Hasenclever sen. auf dem Verzeichnis der Trunkenbolde durchgestrichen – man könnte denken, dass das Branntwein-Ausschank-Verbot womöglich durch den Tod des Trinkers aufgehoben worden sein könnte – doch dem ist mitnichten so: Der Kleinschmied hatte offenbar eine robuste Konstitution, den er wurde trotz mutmaßlich angegriffener Leber fast 84 Jahre alt. Er starb am 8. März 1889 in seiner Wohnung in der Haddenbacher Straße. Seine Frau Wilhelmine hatte ebenfalls ein langes Leben. Sie wurde fast 90 Jahre alt.

 

Verfasst von: Viola Meike

 

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