Asta Nielsen antwortete zwar nicht, bewahrte den Brief aber auf; er befindet sich heute im Asta-Nielsen-Archiv der Universitätsbibliothek Lund. Fünf Jahre später meldete sich Heinrich Rumpff erneut bei Asta Nielsen. Offenbar hatte er ihr ein Buch geschickt, denn die Diva antwortete am 27. November 1925 darauf und bedankte sich „für das wundervolle Buch“. Aus diesem Kontakt entwickelte sich dann eine Freundschaft zwischen den beiden, die viele Jahrzehnte bestehen sollte und die in der Biografie der Schauspielerin und auch in ihrem Nachlass nicht wenig Raum einnimmt, wie die Historikerin Barbara Beuys in ihrem bereits erwähnten Buch feststellt. Die vielen überlieferten Briefe zwischen Rumpff und Nielsen wurden durch die Biografin ausgewertet und in Auszügen wiedergegeben. Sie berichtet auch, dass Rumpff und seine Familie (er hatte ja zwischenzeitlich geheiratet) spätestens 1928 zu Asta Nielsens engstem Freundeskreis gehörten – genau wie Joachim Ringelnatz übrigens. Als solche waren sie natürlich auch zu Gast in Asta Nielsens Haus auf der Insel Hiddensee. Auch künstlerisch gingen Asta Nielsen und Heinrich Rumpff zeitweite gemeinsame Wege: Der Schriftsteller schrieb der Diva den Einakter „Angst“ nachgerade auf den Leib; das Stück füllte Berlins größtes Varietétheater rund sechzig Mal – ein großer Erfolg. Dass Asta Nielsen auch die Rumpffs zu Hause besuchte, belegt ein Gedicht, das der Schriftsteller „An Asta“ betitelte und das lautet:
In einer Ortschaft namens Zeuthen
erscheint so alle Jubeljahr
bei armen kleinen Schreibersleuten
ein Wesen, schön und wunderbar.
In Zeuthen war sie nicht geboren,
man wusste kaum, woher sie kam,
und schnell war ihre Spur verloren,
sobald sie plötzlich Abschied nahm.
Sie brachte Weine mit und Sekte,
…sowie was sonst noch herrlich schmeckte
(Man wurde dran drei Tag‘ nicht satt!)
doch war es nicht allein der Magen,
dem ihre Gegenwart tat wohl –
sie ließ die Herzen höher schlagen
auch ohne Fleisch und Alkohol!
…Doch ward auch oft sie heiß umschlungen –
nichts gab es, was sie länger hielt!
…Zurück blieb nur die Freundschaftskerze,
vom echten Bienenwachs genährt,
doch überstrahlt vom Glanz der Hoffnung,
dass sie bald einmal wiederkehrt.
Auch Heinrich George gehörte zu diesem Freundeskreis, und im Juli 1943, als Asta Nielsen schon längst wieder in Dänemark lebte, schrieb die nunmehr 62-Jährige in einem ihrer Briefe an Heinrich Rumpff und seine Frau Tilla: „…es ist mir jetzt so, als wenn Heinrich und ihr meine einzigen Freunde sind…“. Es war einsam geworden um den gefeierten Star. Kurz nach diesen Zeilen erhielt Heinrich Rumpff weniger schöne Post: Seinen Einberufungsbefehl. Doch müssen wir uns um den Dichter keine Sorgen machen; er war als Sanitäter im Kriegseinsatz und kehrte unversehrt und mit ungebrochener Arbeitsfreude an den Schreibtisch zurück.
Der Krieg ging zu Ende und mit ihm die unselige Zeit der Naziherrschaft. Die Alliierten machten es sich zur Aufgabe, die deutsche Gesellschaft von Nationalsozialisten zu säubern. Menschen, die im öffentlichen Leben eine Rolle gespielt hatten, vor allem auf den Gebieten Presse, Kultur, Justiz und Politik, mussten sich einem Entnazifizierungsverfahren unterwerfen, an dessen Ende bei politisch Belasteten ein Berufsverbot stehen konnte oder auch die Einziehung von Vermögen. Nun gereichte es Heinrich Rumpff zum Nachteil, dass er die ganze NS-Zeit hindurch seinen Beruf ausüben konnte und nicht emigriert war. Man warf ihm „politische Neigung zum Dritten Reich“ vor – ein Vorwurf, der richtig sein kann oder falsch. Oder mit den Worten von Barbara Beuys ausgedrückt: „Heinrich Rumpff war kein Mitglied der NSDAP, aber er ist als Schriftsteller erfolgreicher Unterhaltungsromane zwischen 1933 und 1945 mitgeschwommen im Strom der Angepassten.“ Glücklicherweise war da seine Freundin Asta Nielsen, die - da zur rechten Zeit nach Dänemark zurückgekehrt - als Nazigegnerin galt und in der Lage war, ihrem alten Weggefährten ein gutes Leumundszeugnis auszustellen. Daraufhin wurde er als unbelastet eingestuft und konnte bruchlos seine Karriere als Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor fortsetzen.
Ein glücklicher Zufall wollte es, dass sich im Zuge der Recherchen ein Kontakt ergeben hat, der uns ganz direkt in Verbindung mit Heinrich Rumpffs Familie brachte: Seine Enkeltochter Simone. Diesem netten Kontakt mit der ausgesprochen sympathischen Diplom-Soziologin und ihrem Bruder Stefan haben wir es zu verdanken, dass nun auch der Rest der Geschichte erzählt werden kann. Und diese Geschichte führt vom hohen Norden weg ins nicht weniger idyllische Werdenfelser Land und dort in die kleine Gemeinde Wallgau, wo Heinrich Rumpff Mitte der 1950er Jahre ein Anwesen kaufte. Und wie es dazu kam, erzählen die Enkel so: „Einer seiner Romane, ‚Der blaue Stern des Südens‘ wurde 1951 recht erfolgreich verfilmt. Damals lebte er mit Familie noch in Zeuthen bei Berlin und so wollte man ihm sein Honorar in Ostmark auszahlen. Mein kluger Großvater jedoch fuhr in den damaligen Westen und ließ sich sein Honorar in Westmark auszahlen (war damals viel mehr wert) und konnte so das Haus in Wallgau, wo er bis zu seinem Tod lebte, erwerben“.