© Stadtarchiv Remscheid

Fundstück

Der Einsatz ehemaliger Nationalsozialisten bei der Trümmerbeseitigung in Lennep

Fundstück des Monats Juli 2022

"Über meine politische Ansicht kann ich glaubwürdige Männer benennen, welche bezeugen, daß ich mich niemals  zu den Machenschaften der N.S.D.A.P bekannt habe..."

Fundstück des Monats Juli 2022
© Stadtarchiv Remscheid

Remscheid, Frühsommer 1945. Der Krieg ist verloren, das tausendjährige Reich nach 12jähriger Schreckensherrschaft untergegangen. Die Stadt ist ein Trümmermeer. In der Innenstadt steht kaum mehr ein Stein auf dem anderen; die Hälfte aller Wohnungen sind zerstört.

In ganz Deutschland müssen 400 Millionen Kubikmeter Schutt weggeräumt werden, geschätzte 1.200.000 Kubikmeter davon entfallen allein auf das Remscheider Stadtgebiet – mehr, als die gesamte Eschbachtalsperre fassen könnte. Wer verfügbar ist, muss anpacken, doch allzu viele Männer sind im Krieg gefallen oder noch in Gefangenschaft. Trümmerfrauen greifen zur Schaufel und krempeln die Ärmel hoch. Und die ehemaligen Mitglieder der Nazi-Partei? Ducken sich weg.

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Was lag aus Sicht der Militärregierung näher, als diejenigen zur Schaufel zu rufen, die die ganze Misere (mit) zu verantworten hatten?

Einer kürzlich erschlossenen Akte aus dem Bereich des damaligen komm. Lenneper Bezirksbürgermeisters Matthias Pauli ist zu entnehmen, dass  es seitens des neugeschaffenen „Amtes für Arbeitseinsatz“ eine Verpflichtung zum öffentlichen Arbeitseinsatz für die Mitglieder bzw. Funktionäre der umgehend nach Kriegsende verbotenen NSDAP gegeben hat. Leider ist nach bisherigem Kenntnisstand die zugrunde liegende Anordnung nicht überliefert, doch muss die Zwangsverpflichtung zum Arbeitseinsatz schriftlich, und zwar mit „Polizeibescheid“ ergangen sein. Dies jedenfalls erfahren wir aus einem Gesuch, das ein zum Arbeitseinsatz verpflichteter Lenneper mit NS-Vergangenheit am 16. Juni 1945 mit dem Ziel an Bürgermeister Pauli richtete,  vom Arbeitseinsatz verschont zu werden. Dieses Bittschreiben haben wir als unser Fundstück des Monats ausgewählt.

Dem ganzen Vorgang lag eine Aktion zu Grunde, die quasi unmittelbar nach dem Einmarsch der Amerikaner angestoßen wurde und die den allerersten Schritt auf dem Weg zur Entnazifizierung darstellte: Sie bestand in der Erfassung des belasteten Personenkreises. Schon am 24. April 1945 erging die Aufforderung an alle Funktionäre der NSDAP und ihrer Gliederungen, sich innerhalb von zwei Tagen auf dem Polizeirevier am Mollplatz zu melden.

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Vermutlich aufgrund dieser Datenerhebung erging an den erfassten Personenkreis die Aufforderung, sich zum Arbeitseinsatz zu melden. Befreit wurde nur, wer in seinem Betrieb unabkömmlich war oder andere, schwerwiegende Gründe vorbringen konnte.

Das Fundstück des Monats wurde aus der umfangreichen Akte voller Anträge auf Befreiung vom Arbeitseinsatz ausgewählt, weil es ein wunderbares Beispiel für die Unverfrorenheit darstellt, mit der sich die Nutznießer des NS-Regimes nach Kriegsende zu Unschuldslämmern erklären wollten. Die NSDAP-Mitgliedschaft war dann am Ende kein vom NS-Geist getragener Willensakt zur Erlangung von Previlegien mehr, sondern eine Notwendigkeit, ja nachgerade eine Notwehrmaßnahme zur Abwendung persönlicher Nachteile. Und eigentlich – das will uns der Verfasser dieses Schreibens auch noch weismachen – war man ja immer schon Regimegegner gewesen: „Ich selbst war bis 1933 Bezieher der ‚Volksstimme‘ welches mir bei meinem Aufnehmeantrag in die Partei Schwierigkeiten bereitete“, wie er weiter schreibt.

Doch konnte er den Verantwortlichen durch diese faktenferne Argumentation keinen Sand in die Augen streuen. Jemand – vielleicht Bürgermeister Pauli selbst – setzte mit flotter, aber entschiedener Hand das Wort „abgelehnt“ unter das Ersuchen.

Dem haben wir nichts hinzuzufügen!

 

Verfasst von: Viola Meike 

 

                           

 

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