© Stadtarchiv Remscheid

Fundstück

Remscheid geht in Flammen auf

Fundstück des Monats Juni 2021

Fundstück des Monats Juni 2021 Brief von Karl Hallbach an seinen Sohn
© Stadtarchiv Remscheid
Fundstück des Monats Juni 2021 Brief von Karl Halbach an seinen Sohn
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Karl Friedrich Halbach wurde am 6. Mai 1889 in Lüttringhausen geboren. Der Buchhalter heiratet am 11. November 1920 die bereits jung verwitwete Margarete Wilhelmine Schäfer, geb. Schmitt. Sie bringt einen 13-jährigen Sohn mit in die Ehe. Das Paar bekommt noch zwei weitere Kinder. Einen Sohn und eine Tochter.

Als sich die Bombenangriffe im Bergischen Land häufen, wird der jüngste, noch minderjährige Sohn zu Verwandten in eine ländlichere Region geschickt. Genau rechtzeitig, denn in der Nacht vom 30. – 31. Juli 1943 wird ein Großteil Remscheids und das Umland in einem Bombenangriff der anglo-amerikanischen Luftwaffe in Schutt und Asche gelegt.

Karl Halbach schildert die Erlebnisse dieser Nacht in einem Brief, den er an seinen Sohn schickt, wie folgt:

„Langenhaus, den 6. August 1943.
Der Terrorangriff der anglo-amerikanischen Luftwaffe in der Nacht vom 30./31. Juli 1943 auf Remscheid wurde von uns am Langenhaus wie folgt erlebt:
Gegen 20 Minuten vor 1 Uhr hörten wir den Alarm, wir standen wie immer sofort auf und machten uns fertig, in den Keller zu gehen. Kaum hatten wir alle Türen und draussen den Stall, sowie die Kellertüren aufgeschlossen, damit, wenn etwas vorkommt, wir überall sofort hereinkönnen, als wir auch schon so gegen 10 Minuten vor 1 Uhr beobachteten, dass die feindl. Flieger über Remscheid den sogenannten Christbaum abwarfen. Kurz darauf fielen die Bomben und auch in unserer Nähe krepierten welche. Die Flak schoss stark und das gewohnte Bild eines schweren Luftangriffes entwickelte sich. In unserer Nachbarschaft fielen weitere Bomben und so gegen 5 Minuten nach 1 Uhr auch eine schwere Luftmine, sodass bei uns wieder die Dachziegel vom Dach stürzten und die Fensterscheiben (2 im Wohnzimmer und 1 im hinteren Schlafzimmer) sowie Fensterscheiben von Frau Neuhaus kaputt gingen. Von der Haustüre zum Hof flog wieder die Bekleidung weg und wie ich die Kellertreppe einmal hinaufgehe, um den Schaden festzustellen, sehe ich auch im Garten und vor dem Hause wieder Feuer, es riecht nach Phosphor, also 15kg Bomben. Eine solche Bombe war vor dem Hause an Kratz´Hecke eingeschlagen und eine Bombe vor unserer Gartenlaube in den Weg. Die schwere Bombe und die Luftmine waren, wie wir bei Tage feststellten, unter das Mühler Sportfeld in das Kartoffelstück von Berbecker, in die Felder von Onkel Erich, Emil Berbecker und Kopf von der Wüste, gegangen, es waren alles schwere Brocken, auch gingen am nächsten Morgen noch etwa 4 Blindgänger nachträglich hoch.
Um 20 Minuten vor 2 Uhr, also nachdem wir 1 Stunde bereits Alarm hatten, mussten wir feststellen, dass nicht allein über Remscheid der Himmel durch viele Feuer ganz hell war, es musste auch in unserer Nähe brennen und es war am Neuland.

Ich bin dann sofort mit Onkel Christian und Sterzenbach zum Neuland gelaufen, der Mutter und den übrigen Frauen im Keller hatte ich die weitere Sorge um unser Hab und Gut anvertraut. Wir Männer kamen so um ¼ vor 2 Uhr nach dem Neuland, wo schon mehrere Nachbarn waren. Auch am Neuland war eine Phosphorbombe gefallen und hatte im Stalle (Pferdestall) gezündet. Das Pferd war tot, ebenso 1 Rind, während Onkel Erich die übrigen Kühe (6 Stck) noch losgekriegt hatte und auf die Weide getrieben hatte. Ich ging dann am Neuland auf den Speicher, um mit Onkel Erich, sowie Max Bremer und Paul Kratz, das Stalldach dauernd unter Wasser zu halten mit unseren Luftschutzspritzen und so das Feuer abzuschwächen. Andere Nachbarn räumten derweilen das Haus, es war ein Hin- und Herrennen mit Sachen und Wassereimern. Die Wasserleitung genügte jedoch nicht, wir legten deshalb den Brunnen und den Jauchekeller auf, inzwischen kamen immer mehr Nachbarn und ich ging an den Brunnen mit Onkel Paul Schäfer zum Wasserschöpfen und –tragen usw.
Fast eine Stunde waren wir am Neuland, da konnten wir feststellen, dass wird das Feuer auskriegten und das Haus gerettet war. Es kam jetzt so gegen ¼ vor 3 Uhr auch die Entwarnung und am Neuland erschienen immer mehr Leute.
Die Mutter kam auch mit den Frauen aus unseren Hause und sagte mir, sie wäre mit Auguste Kramer durch das ganze Haus gewesen, es wäre auch Dach- und Fensterschäden nichts kaputt.
Nun haben wir am Neuland immer weiter unseren Brand bekämpft und es war kein Zweifel mehr, das Feuer ging langsam aus. So gegen 4 Uhr war der Brand soweit gelöscht, dass er nicht mehr weiterfressen konnte, das Haus und ein Stück vom Stall, so weit, dass 2/3 vom Kuhstall noch standen, waren gerettet. Es musste jetzt nur noch eine Brandwache bei dem Feuer bleiben, damit die Brandstelle gut bewacht war.

Die Mutter und die Frauen gingen wieder nach Hause, ich blieb noch bis so gegen 5 Uhr morgens und ging dann sofort nach dem Westen, um Onkel Karl und Onkel Louis zu bitten, mir sofort zu helfen, unser Hausdach wieder soweit zurecht zu machen, dass es regendicht war. Es war ja schönes sehr heisses Wetter, aber gewitterschwül und hat ja dann auch am nächsten Tage ordentlichen Gewitterregen gebracht.
Auf dem Wege vom Neuland nach dem Westen beobachtete ich Remscheid, es brannte vom Hohenhagen bis zum Hasten, alles ein Flammenmeer, es ist dort furchtbar gewesen. Remscheid ist im Zentrum genau so vollkommen zerstört, wie Barmen, Ronsdorf und Elberfeld. All die vielen schweren Bomben und Minen haben dabei auch grosse Opfer unter der Bevölkerung verursacht.

Wie ich wieder von Westen zurück kam, war es 6 Uhr morgens, ich habe dann sofort zunächst unsere Ställe untersucht, aber Kaninchen und Hühner waren Alle munter, ich hatte sonst schon für die Kaninchen in der Laube wenig Hoffnung gehabt wegen der Phosphorbombe. Diese Bombe habe ich, da sie fast ganz ausgebrannt war, ausgegraben und in den Strassengraben befördert, sie hatte uns einige Stachelbeer- und Johannisbeer-Sträucher, sowie unser Kartoffelstück verseucht, es stank Alles nur noch nach Phosphor.
Ich bin dann am Vormittage, es war ja Samstag, nicht ins Geschäft gegangen, ich hatte überall wieder Arbeit, auch der Hühnerstall war beschädigt und dort auch die Scheiben kaputt gegangen.
Unsere Mutter war ja bei diesem Remscheider Angriffe so am Freitag Nachmittag von Hartenrod zurückgekommen, wohin sie unseren Karl gebracht hatte und in der Nacht musste sie diesen Schreckenszauber mitmachen, aber Gott sei Dank hat ja am Langenhaus noch Alles gut gegangen. Der arme Onkel Erich am Neuland hat nun seit Ende Mai d. Js., also seit dem Barmer Angriffe, schon zwiemal zusehen müssen, wie die Luftpiraten ihm sein Anwesen in Brand geworden haben.
Es ist gut, dass Oma vom Neuland nicht zuhause war, sie ist ja noch in Grebenstein, wo sie jedenfalls sicherer ist.

 

(handschriftlich)
Lieber Junge!
Ich schreibe heute an die Schule daß du nicht mehr hier bist und auch vorläufig nicht zurückkommst. Wir müssen dann die nächsten Wochen mal abwarten was wir machen. Gute Erholung und herzliche Grüße Dir und Allen

Dein Vater.

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