© Stadtarchiv Remscheid

Fundstück

Besser als Rotterdam, besser als Kamerun - Der Hof Karlsruhe in Bergisch Born

Fundstück des Monats Juni 2022

Das Fundstück des Monats Juni ist eine teilweise nachkolorierte Postkarte der Gastwirtschaft von  Otto Mühlinghaus in Bergisch Born-Karlsruhe. Die Aufnahme dürfte um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts entstanden sein. Es reiht sich dieser Wohnplatz vorzüglich in die Reihe von Orten dieser Gegend ein, die ebenfalls den Namen größerer Städte tragen, wie zum Beispiel Bremen, Tyrol, Halle oder Leverkusen – so könnte man denken. Doch so wenig dies für „Bremen“ zutrifft, so unwahr ist es auch für „Karlsruhe“, wie man im Folgenden sehen wird.

Tankstelle, Karlsruhe 261
© Privatarchiv Mühlinghaus

Das Foto zeigt das Wohnhaus Karlsruhe 261 mit der damals von Familie Mühlinghaus betriebenen Tankstelle gegenüber der Gastwirtschaft. Heute ist das Gebäude verschiefert.

 

Der Hof Karlsruhe ist seit mehr als 150 Jahren im Besitz der Familie Mühlinghaus. Es handelt sich im Wesentlichen um zwei Wohngebäude mit einigen Nebengebäuden, die sich nahe der Stadtgrenze zu Hückeswagen rechts und links der B 237 – der Straße von Bergisch Born nach Hückeswagen - befinden. Über die Herkunft des Hofnamens kursiert innerhalb der Familie seit Generationen eine Geschichte, die es sogar bis in die Lokalpresse geschafft hat. Am 13. Februar 1982 titelte die Bergische Morgenpost: „Nach Karlsruhe nur ein Katzensprung“ und berichtete:

„Wie ist die Ortschaft zu ihrem Namen gekommen?“ fragen wir den Senior der bergischen Karlsruher, Helmut Mühlinghaus. Der 71jährige Landwirt erzählte: Sein Großvater Robert Mühlinghaus, der vom Hof Leverkusen bei Lennep stammte, hatte das schon um 1800 erbaute Haus 1840 von einer Familie Reinshagen erworben. Jahrzehntelang blieb die kleine Ortschaft, zu der auch eine Hof- und Wagenschmiede gehörte, ohne Namen. Als der Großvater etwa um 1885 im Hückeswagener Gemeinderat eine Ortsbezeichnung beantragte, hatte er die Wahl zwischen Karlsruhe, Kamerun, Straßburg und Rotterdam – und Karlsruhe gefiel ihm wohl am besten.“

Eine nette Geschichte, die man wohl gern in Gesellschaft zum besten gibt – wahr ist sie allerdings nicht. Karlsruhe (damals noch mit „C“ geschrieben) lässt sich bereits 1839 in einer Zivilstandsurkunde aus Hückeswagen nachweisen. Eine frühere Erwähnung konnte unsererseits bislang nicht gefunden werden; vor dieser Zeit hieß der ganze Bereich „Am Langenbusch“. Doch wie ist der seltsame Ortsname entstanden? Karlsruhe als (zumindest semi-offizielle) Bezeichnung für einen Wohnplatz muss um 1839 entstanden sein, wobei er anfangs mit relativer Sicherheit nur im Volksmund gebräuchlich war. Sehr häufig entstanden solche Ortsnamen im Zusammenhang mit Wirtshäusern – wobei nicht immer der Name maßgeblich war, den der Gastwirt selbst gewählt hatte, sondern vielmehr sich die Bezeichnung etablierte, die bei seinen Gästen geläufig war, wie Gerd Helbeck in seinem Aufsatz über „Kuriose Orts- und Straßennamen“ mit Bezug auf die durch Kohlentreiber verursachten Wirtshausnamen feststellt. Es war offenbar eine Gewohnheit der Kohlentreiber, neu gebauten Häusern (Spott-) Namen zu geben, die in der Regel drolliger waren als die, welche der Besitzer seinem Hause selbst gegeben hatte, und die sich schließlich im allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzten. Es ist naheliegend, dass dies nicht nur eine Gewohnheit der Kohlentreiber, sondern grundsätzlich unter Fuhrleuten üblich war. Und mit dem Ausbau der Straße von Born nach Hückeswagen (über welche übrigens auch die Post von Lennep und Wermelskirchen transportiert wurde, weshalb sie im Urriss von 1829 als „Poststraße“ bezeichnet wurde) nahm der Fuhrverkehr signifikant zu.

Der Hof Karlsruhe war nicht nur zu Lebzeiten des Robert Mühlinghaus und seinen Nachkommen eine Gastwirtschaft, sondern auch schon zur Zeit der Postkutsche. Hier konnten die Reisenden einkehren und erhielten gegen Bezahlung Speise, Trank und ein Nachtlager. Die Tiere der Reisenden und Fuhrleute wurden ebenfalls versorgt. Wie das Gasthaus ursprünglich hieß, ist nicht überliefert, aber man darf mit ziemlicher Sicherheit einen Wirt vermuten, der mit Vornamen „Carl“ hieß. Und wenn man nun „Rast“ mit „Ruhe“ gleichsetzt, liegt man gewiss nicht falsch, darin den Ursprung des Ortsnamens zu vermuten. Bleibt nur die Frage: welcher Carl hat hier Pate gestanden?

Der Hückeswagener Heimatforscher Arno Paffrath machte einen Wermelskirchener Bierbrauer und Gastwirt namens Carl Lucas als Besitzer des Hofes aus; demnach wäre mindestens eines der beiden Häuser, die heute den Hof Karlsruhe bilden, im Jahr 1839 erbaut worden. Leider konnte diese Angabe bisher mangels Quellen nicht belegt werden. Sicher ist bisher lediglich, dass Carl Lucas am 13. April 1802 in Ratingen geboren wurde. Sein Vater war Chirurg und Ratsherr – er stammte also aus sehr guter Familie. Was ihn dazu bewogen haben könnte, nach Wermelskirchen zu ziehen und Bierbrauer und Gastwirt zu werden, ist nicht bekannt. Er heiratete jedenfalls am 3. April 1824 die Müllerstochter Wilhelmina Rübenstrunk aus der Preyersmühle und zog anschließend mit ihr nach Hückeswagen, wo er „am Busenberg“ eine Gastwirtschaft betrieb. Als im Sommer 1833 der Gastwirt Diederich Wilhelm Schingen starb, der bis dahin den „Gasthof zur Stadt Elberfeld“ am Markt in Hückeswagen betrieben hatte, packte Carl Lucas die Gelegenheit beim Schopfe, übernahm den renommierten Gasthof und verlegte seinen Wohnsitz nach Hückeswagen-Stadt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war er auch Mitglied im Gemeinderat – er hatte es also geschafft, sich durch Tatkraft und eine glückliche Hand in geschäftlichen Dingen eine privilegierte gesellschaftliche Position zu erarbeiten.

Eintrag Lenneper Kreisblatt
alter Gasthof zur Stadt Elberfeld
© Stadtarchiv Hückeswagen

An dieser Stelle kommt nun sein Schwager Carl Rübenstrunk ins Spiel, ebenfalls seines Zeichens Gastwirt. Da die Gastwirtschaft am Busenberg durch den Weggang von Carl Lucas vakant war, trat der jüngere Bruder von Lucas‘ Frau Wilhelmine Rübenstrunk in die Lücke und übernahm den Gasthof; auch für ihn war es eine willkommene Verbesserung, denn seit seiner Heirat mit der 13 Jahre jüngeren Dienstmagd Anna Maria Schneider kam ein Kind nach dem anderen auf die Welt: Als seine Frau an den Folgen der Geburt ihrer letzten Zwillingskinder starb, hatte der Vater noch 10 minderjährige Münder zu stopfen. Carl Rübenstrunk bewirtschaftete also den Gasthof am Busenberg als Pächter. Im Jahr 1839 gab es eine weitere Veränderung: Der tüchtige Geschäftsmann Carl Lucas erhielt die Gelegenheit, sich wiederum zu verbessern. Er kaufte den in Wermelskirchen an der Berliner Straße gelegenen Gasthof „Churpfälzischer Hof“ mit dazu gehörigen Stallungen, Remisen, Scheune und ungefähr 14 Morgen Ländereien für 6000 Taler vom Freiherrn von dem Busche-Kessel. Anscheinend hat Carl Lucas zumindest eine Zeitlang beide Gasthöfe parallel betrieben, was Zeitungsannoncen aus dem Februar 1843 belegen. Dann aber siedelte Carl Lucas mit Frau und Kindern ganz nach Wermelskirchen über, wo er am 8. April 1849 starb.

 

Todesanzeige Carl Lucas 11.4.1849, Kölnische Zeitung

Nun zurück zur Frage, welcher der beiden Gastwirte, die mit Vornamen „Carl“ hießen, die Namensgebung der Ortschaft Karlsruhe beeinflusst haben mag. Hier hilft es, sich zu vergegenwärtigen, dass die Fuhrleute den Wirt offenbar mit Vornamen ansprachen oder untereinander über ihn als „Carl“ sprachen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass der Ratsherr Carl Lucas, eine mutmaßlich vornehme Erscheinung, solch kumpelhafter Behandlung teilhaftig geworden wäre. Er war der „Herr“ Lucas, eine Anrede, die bessergestellten Persönlichkeiten vorbehalten war. Auch spricht gegen ihn, dass er zwar einer unbelegten Quelle zufolge als Eigentümer eines der Häuser in Karlsruhe auftaucht, jedoch als Wirt ab 1833 dort nicht mehr in Erscheinung trat – schließlich hatte er seit diesem Jahr den Gasthof zur Stadt Elberfeld am Markt übernommen. Insofern bleibt nur Carl Rübenstrunk übrig – ein Mann, dessen Beruf bei der Heirat mit „Fuhrmann“ angegeben war. Ihn darf man sich getrost als eher rustikal vorstellen, und die bei ihm rastenden Fuhrleute werden sich einen Spaß daraus gemacht haben, der von ihm gepachteten Gastwirtschaft den schönen Namen „Karlsruhe“ zu verleihen.

* * *

 

Nach all diesen Ausführungen ist nun klar geworden, dass auch der Rest der 1982 in der Bergischen Morgenpost kolportierten Familienlegende nicht ganz astrein ist: Das Haus kam nicht im Jahr 1840 in den Besitz der Familie Mühlinghaus, sondern erst um das Jahr 1864.

Familie Robert Mühlinghaus
© Privatarchiv Mühlinghaus

Robert Mühlinghaus (3. von rechts) im Kreise seiner Familie. 

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