Die Geschichte des Remscheider Strandbades
Fundstück des Monats Juni 2026
Die Rheinische Landeszeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 28. Juni 1942 anlässlich des 30jährigen Bestehens des Strandbades im Eschbachtal Folgendes:
„Daß das Freibad werden konnte, ist dem forschen Einsatz einzelner Männer zu verdanken, die im Wassersport mit Recht eine der gesundesten Volkssportarten sahen. Dr. Lüer trat damals an den Ehrenbürger Robert Böker mit dem Wunsch heran, sich für die Schaffung eines Freibades einzusetzen. Die technischen Voraussetzungen waren gegeben, das Bad unterhalb der Pumpstation anzulegen. […] Um der Verwirklichung des Plans nähertreten zu können, kaufte Böker in der Stille die Grundstücke im Eschbachtal mit eigenem Gelde, und dann trat er mit den fertigen Bauplänen vor die Öffentlichkeit. Oberbürgermeister Dr. Jarres war sofort mit dem Bauvorhaben einverstanden, und mit dem Einsatz der Männer der Werke, Wasserwerksdirektor Borchard [sic!] und technischer Leiter Elei, konnte nach mehrjähriger Arbeit das Freibad jetzt vor dreißig Jahren eingeweiht werden.“
Diese Schilderung fand sich fast wortgleich auch schon in einem Artikel des Remscheider General-Anzeigers vom 30. Juni 1937, als es um das 25jährige Bestehen des Bades ging. Der zeitliche Abstand war geringer, die Fehler dieselben. Denn dass der Plan zur Errichtung eines Freibades originär auf die Initiative Remscheider Wassersportfreunde zurückging, ist eine Legende. Zum einen gab es um 1910 in Remscheid nur den Remscheider Schwimmverein, zu dessen Vorstand jedoch keiner der genannten Herren gehörte, zum anderen wird der Aspekt des Wassersports in keinem zeitgenössischen Artikel oder Bericht im Zusammenhang mit dem Strandbad auch nur erwähnt. Selbst besagter Dr. Lüer, dessen Funktion und Bedeutung unklar ist, und der im Artikel von 1937 nur als „ein Remscheider Bürger“ bezeichnet wurde, erklärte rückblickend, der heiße Sommer des Jahres 1904 habe zuerst die Notwendigkeit erkennen lassen, für Remscheid ein großes Freibad zu erschaffen, was sich aber erst einige Jahr später nach einem weiteren heißen Sommer habe realisieren lassen. Insofern scheint es, als beruhe diese in der NS-Zeit publizierte Darstellung eher auf einer aus dem Sport- und Körperkult der Nationalsozialisten erwachsene ideologische Umdeutung des Errichtungszwecks. Der Artikel enthält jedoch weitere falsche Informationen, deren Richtigstellung wir an den Anfang dieser Betrachtung stellen wollen.
Halten wir also Folgendes fest: Robert Böker, Geheimer Kommerzienrat und seit dem 7. Mai 1909 Ehrenbürger der Stadt Remscheid, hat sich unbestreitbar große Verdienste um seine Vaterstadt erworben. Er war langjähriger Stadtverordneter und gehörte ab 1874, also zum Zeitpunkt der Ehrenbürgerwürde schon 35 Jahre lang, der Deputation für das Gas- und Wasserwerk an. Unter seiner Leitung nahm die vorher mit Defizit arbeitende Gasanstalt einen bedeutenden Aufschwung. Durch Preisnachlässe für gewerblich genutztes Gas und vor allem durch die Einführung verbesserter Gasmotoren hatte er sich um die Erhaltung der kleineren und mittleren Betriebe verdient gemacht.
Vorrangig befasste sich Robert Böker aber mit dem für Remscheid und seine Industrie besonders dringlichen Problem der Wasserversorgung; unter seiner Ägide entstand das erste, 1884 eingeweihte Wasserwerk, und gegen viele Widerstände setzte er den Bau der Eschbachtalsperre durch, die in den Jahren 1889 bis 1891 von Prof. Intze als erste Trinkwassertalsperre Deutschlands errichtet wurde. Durch diese Maßnahmen war nun auch in trockenen Sommern die Wasserversorgung der Stadt auf dem Berg und ihrer Industrie sichergestellt. Er gab die erste Anregung zum Bau des Strandbades, förderte das Projekt nach Kräften und trieb die Planungen voran – doch müssen wir der eingangs zitierten Schilderung der Entstehungsgeschichte des Strandbades insofern widersprechen, als Robert Böker durchaus keine Grundstücke aus eigener Tasche kaufte, um – sozusagen in Eigenregie – das Bad erbauen zu lassen. Damals wie heute reichte es nicht aus, das Einverständnis des Oberbürgermeisters einzuholen, um sogleich mit dem Bau beginnen zu können: Es bedurfte zunächst eines entsprechenden Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung, die vor der Beschlussfassung mit allen für die Realisierung des Bauprojekts in Zusammenhang stehenden Informationen versorgt werden musste. Diese Informationen lieferte Direktor Karl Borchardt im Dezember 1911 in seinem „Bericht über die Anlage einer Schwimm- und Badeanstalt unterhalb der Pumpstation im Eschbachtal“. Darin wurde das Projekt auf einigen wenigen Seiten skizziert. Er empfahl den Stadtvätern, „unterhalb der Pumpstation die erheblich abfließenden Wassermengen aus der Neyetalsperre, nachdem dieselben zu Kraftzwecken in den Turbinen ausgenutzt worden sind, zur Anlage eines Badeteiches zu verwenden. Die abfließenden Wassermengen sind während der Sommermonate so reichlich, daß es möglich ist, fortgesetzt frisches Wasser dem Badeteich bezw. dem Schwimmbassin zu führen zu können. Eine zeitweise Erwärmung dieses Wassers, welche nur an einzelnen kühlen Tagen notwendig wird, läßt sich mit Leichtigkeit und ohne hohe Kosten durch das Kondensationswasser der Dampfmaschinen bezw. durch direkte Dampfzuführung möglich machen“.
Wie man sieht, lagen zwischen der (einstimmigen) Beschlussfassung durch die Stadtverordnetenversammlung am 29. Januar 1912 und der feierlichen Eröffnung nicht „mehrere Jahre“, wie der oben zitierte Artikel behauptet, sondern genau fünf Monate. Ganze fünf Monate, um die Grundstücke anzukaufen, die Arbeiten zu vergeben, zu überwachen und fertigzustellen!
Vielleicht wäre es auch nicht so schnell gegangen mit der Beschlussfassung, wenn die Stadtverordneten nicht noch den vorangegangenen außergewöhnlich heißen und trockenen Sommer des Jahres 1911 eindringlich vor Augen gehabt hätten – die Dürre hatte zu einer Überlastung der städtischen Badeanstalt in der Freiheitstraße geführt, was zu der Zeit tatsächlich ein hygienisches Problem war, denn die Menschen hatten in der Regel noch kein Badezimmer in ihren Häusern und Wohnungen und waren zur Körperpflege auf die öffentlichen Badeanstalten angewiesen. Die Erweiterung der Badeanstalt war zuvor zwar als notwendig erkannt worden, aber nicht (oder jedenfalls nicht so schnell) umsetzbar, so dass Carl Borchardt erst 1911 mit seinen Freibad-Plänen bei den Stadtvätern endlich auf offene Ohren stieß.
Die Vorstellung eines „Strandbades mit Dampfheizung“ (in der Tat etwas nie Dagewesenes!) verblüffte die Öffentlichkeit und regte sogar die Karnevalisten zur Gestaltung eines Mottowagens an, der „Männer, Frauen und Kinder (der Jahreszeit entsprechend: in gefütterten Badehosen, von behördlich vorgeschriebener Länge und Höhe natürlich) zeigte, die sich in einem großen Wasserbecken tummeln, unter dem eine Spiritusflamme brennt, während auf dem ‚Strand‘ ein gewaltiger Konsum von Licht, Luft und Sonnenschein entwickelt wird. Dieser Wagen trägt die Inschrift: ‚Schönster Anziehungspunkt des Bergischen Landes!‘“, so eine Notiz im Remscheider General-Anzeiger vom 18.02.1912.
Währenddessen gingen die Arbeiten am neuen Strandbad, das zweifellos eine Pionierleistung darstellte, zügig voran. Die feierliche Eröffnung konnte auf Samstag, den 29. Juni 1912 festgesetzt werden; aber wie so oft, wenn im Bergischen eine Veranstaltung unter freiem Himmel geplant wird, regnete es just am Eröffnungstag wie aus Kübeln! Oberbürgermeister Karl Jarres, der später eine bemerkenswerte politische Karriere machte, hielt die feierliche Eröffnungsrede. Es folgten Dankesworte und ein ehrendes Gedenken für den wenige Wochen zuvor verstorbenen Robert Böker, der die Realisierung seines Herzensprojektes nun nicht mehr miterleben durfte.
Zur offiziellen Einweihungsfeier, die auch eine Führung durch das Bad beinhaltete, waren nur geladene Gäste zugelassen; die Remscheider Bevölkerung konnte anschließend zu einem Eintrittspreis von 50 Pfennigen, bzw. 30 Pfennigen für Jugendliche, das nachfolgende Schauschwimmen mit Konzert besuchen. Trotz des miserablen Wetters war der Andrang riesig: Das Strandbad wies am Eröffnungswochenende nicht weniger als 2320 zahlende Besucher auf (darunter viele auswärtige Feuerwehrleute), die 880 Mark an Einnahmen in die Kasse spülten – ein guter Start für die Anlage, deren Kosten den ursprünglich veranschlagten Betrag deutlich überschritten hatte.
Das Strandbad selbst bestand aus drei Schwimmbecken aus Beton, und zwar je einem getrennten Bereich für Herren und Damen von 20 x 25 Metern und 1,60 Meter max. Tiefe, sowie einem Familienbecken von 135 x 25 Metern mit einem ausschließlich für Schwimmer vorgesehenen Bereich von 3 Metern Tiefe (es kamen im Laufe der Zeit fünf Sprungbretter dazu), ansonsten 1,20 Meter Tiefe. Das „Familienbad“ genannte Schwimmbecken für beide Geschlechter wurde in gewisser Weise als Experiment betrachtet, von dem auch bereit war, wieder abzurücken, wenn es „nicht passen“ würde. Offenbar passte es aber doch; dennoch wurden die trennenden Holzwände zwischen den Badebereichen für Frauen und Männer erst drei Jahrzehnte später entfernt.
Das Strandbad verfügte über eine Sanitätswache und sogar über ein Restaurant mit Terrasse. Es gab einen mit Sand aufgeschütteten Badestrand (daher die Bezeichnung „Strandbad“). Das Wasser für die Schwimmbecken wurde, wie geplant, von der Pumpstation im Eschbachtal zugeführt und konnte unter Benutzung der Dampfkesselanlage bei Bedarf auf als „angenehm“ beschriebene 20 bis 21 Grad erwärmt werden. Das war einzigartig in Deutschland und machte unser Remscheider Strandbad zum ersten Freibad Deutschlands mit künstlicher Wasserzufuhr und -erwärmung. Ein Straßenbahnanschluss mit der Haltestelle „Strandbad“ sorgte dafür, dass die Remscheider Bevölkerung problemlos dorthin gelangen konnte.
Obwohl die Eröffnung erst Ende Juni erfolgt war, verzeichnete das Bad im ersten Jahr seines Bestehens 116.960 Besucher und Einnahmen, die beinahe die Hälfte der gesamten Baukosten wieder hereinbrachten. Die Besucherzahlen verdoppelten sich im folgenden Jahr (1913) auf 244.895 Personen. Allein am 24. August 1913 kamen 9337 Menschen ins Strandbad! Zum Vergleich: Heutzutage kommen an starken Tagen etwa 3000 Besucher ins Freibad. (So viele Besucher wie 1913 würden, nebenbei bemerkt, heute aber auch gar nicht mehr hineinpassen, denn nach dem Neubau Anfang der 1960er Jahre wurde das Bad nur noch für 5000 Personen konzipiert.)
Doch das neue Bad diente in der Folge nicht nur dem Freizeitvergnügen der Remscheiderinnen und Remscheider, sondern auch dem Vereinssport, und wurde am 4. Juli 1920 zur Kulisse einer sportlichen Großveranstaltung – fand doch an diesem Tag zum ersten Mal das Nationale Schwimmfest des Remscheider Schwimmvereins e. V. 1897 statt, bei dem sich eine Vielzahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem ganzen Rheinland und aus Westfalen einen sportlichen Wettkampf lieferten.
Manche Modernisierungs- oder Verbesserungsmaßnahmen wurden in den Jahren seit Eröffnung des Strandbades vorgenommen. Vor der Badesaison 1922 wurden zum Beispiel 130 000 Mark für die Einrichtung eines (von der Bevölkerung eher skeptisch beurteilten) Zentral-Kleiderablageraumes aufgewendet, da es vermehrt zu Diebstählen gekommen war – hier erkennt man schon die sich anbahnende Hyperinflation, in deren Folge natürlich auch die Eintrittspreise erhöht werden mussten. Der Eintritt kostete in der Saison 1922 für Erwachsene schon teure 3 Mark – ein Jahr später, im Inflationsjahr 1923, zahlten Erwachsene erst 1500 Mark Eintritt, kurze Zeit später schon 2000, dann 3000 Mark, wieder eine Woche später 4000, dann 6000 Mark. Am 15. August waren 15 000 Mark fällig, am 25. August 100 000 und so ging es weiter bis zum Ende der Badesaison am 8. September 1923. Die große wirtschaftliche Not machte sich auch in den eingebrochenen Besucherzahlen bemerkbar: 1923 besuchten nur knapp 62 000 Personen das Strandbad im Vergleich zu rund 127 000 im Jahr 1913. In der Badesaison 1924, als mit der Währungsreform die Hyperinflation überstanden war, konnten die Eintrittsweise wieder in Pfennigen angegeben werden: Erwachsene zahlten 40 Pfennig, Kinder unter 14 Jahren 15 Pfennig. Wer nicht baden, sondern sich nur sonnen wollte, konnte übrigens das Strandbad zu einem reduzierten „Zuschauerpreis“ besuchen. Die aus heutiger Sicht gering erscheinenden Eintrittspreise wurden jedoch von der Öffentlichkeit als teuer wahrgenommen und auch in der Presse wiederholt kritisiert. Hohe Preise und ungünstige Witterung ließen die Besucherzahlen weiter sinken, so dass die Anlage kaum mehr kostendeckend betrieben werden konnte. Um das Strandbad attraktiver zu machen, wurde 1925 beschlossen, anstelle der Sammelumkleiden einzelne, abschließbare – zudem überdachte - Umkleidekabinen zu bauen. (Aus schwer nachvollziehbaren Gründen gab es auf der Herrenseite 120 abschließbare Umkleidekabinen, auf der Damenseite dagegen nur 60.) Die Eintrittspreise wurden gesenkt und konnten durch die Ausgabe von Zehnerkarten weiter reduziert werden. Auch die Außenanlagen wurden durch die Anlage weiterer Blumenbeete verschönert. Neue Häuser für die Sanitätswache, den Bademeister und den Schwimmverein entstanden.
Ein Aufregerthema im Jahr 1926 war übrigens die Kleiderordnung im Strandbad Eschbachtal. Nachdem sich einige Männer erdreistet hatten, in einer Badehose (also ganz offenbar mit freiem Oberkörper) zu baden, hagelte es Leserbriefe. Befürworter und Gegner einer Bademode, die vom bis dahin gebräuchlichen, den ganzen Leib bedeckenden „Badeanzug“ abwich, überzogen sich gegenseitig mit Schmähungen. Doch war der Siegeszug der freizügigen Badebekleidung nicht mehr aufzuhalten, und schon wenige Jahre später lachte man über den einst so geschätzten Badeanzug.
1933 wurde der Badestrand erweitert und eine 1100 Quadratmeter große sonnige Liegewiese angelegt, gleichzeitig sanken die Eintrittspreise weiter: Für 25 Pfennig konnten Erwachsene schwimmen gehen, die Zehnerkarte war für 2 Reichsmark zu bekommen. Diese Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung des Strandbades waren möglicherweise auch auf die ernste Konkurrenz zurückzuführen, die sich erst durch das neu eröffnete Strandbad Teufelsteich, im Jahr darauf zusätzlich durch das Freibad Güldenwerth ergeben hatte. Man strebte weitere Verbesserungen an: Die vielgeforderte bessere Verkehrsanbindung wurde Realität, als Anfang Juli 1936 die neue „Kraftwagenlinie 7“ der Remscheider Verkehrsbetriebe die Strecke bediente. Nach der Straßenbahn beförderte nun also der Omnibus die Badegäste und Ausflügler aus der Stadt zur Talsperre und weiter nach Schloß Burg und verband so zwei wichtige touristische Ziele miteinander. Und auch der Autoverkehr nahm in den 1930er Jahren zu, so dass im Sommer 1938 eine Mauer versetzt wurde, um zusätzliche Parkplätze zu schaffen. In dieses Jahr fiel auch der Wegfall der Trennung zwischen den Geschlechtern und es entstand ein reines Gemeinschaftsbecken, wodurch auch größere Schwimmwettkämpfe möglich wurden. Die Liegeflächen wurden erweitert und auch das Strandbadrestaurant wartete mit einer Freiluftterrasse auf. Vielleicht, um den Krieg ein bisschen in den Hintergrund treten zu lassen, bemühte man sich, den Badegästen immer neue Verbesserungen zu präsentieren; so wurde zur Saison 1941 eine Lautsprecheranlage installiert, um die Nachrichtensendungen des Rundfunks übertragen zu können – zeitweise unterbrochen durch Musik. Ob die Besucherinnen und Besucher die Dauerbeschallung mit Nazi-Propaganda begrüßten oder als störend empfanden, ist nicht überliefert.
Beim Bombenangriff auf Remscheid im Juli 1943 wurde das Strandbad teilweise zerstört und in der Folgezeit durch Diebstahl und Vandalismus zusätzlich geschädigt; 1947 wurde es geschlossen. Die Stadt Remscheid nahm trotz der schwierigen Nachkriegsverhältnisse viel Geld in die Hand, um die leidgeprüfte Bevölkerung mit einem wieder benutzbaren Strandbad zu erfreuen. Die Wiedereröffnung nach umfangreichenden Sanierungsmaßnahmen fand zu Pfingsten 1949 statt (wie üblichen bei schlechtem Wetter): Die Umkleiden waren neu angeordnet, Risse im Schwimmbecken ausgegossen und an den Sprungtürmen neue Federbretter angebracht worden.
Doch nur etwas mehr als 10 Jahre später stand das nach dem Krieg nur behelfsmäßig instand gesetzte Strandbad Eschbachtal kurz vor dem „Aus“: Das Schwimmbecken war undicht, die Filteranlage überaltet und auch aus hygienischen Gründen war ein Weiterbetrieb der Anlage nicht zu verantworten, so der damalige Beigeordnete Dr. Krug im Bauausschuss am 14. Juli 1960. Ein Neubau stand an und die Standortfrage wurde diskutiert. In Frage kam entweder der alte Standort im Eschbachtal oder ein Standort, der für alle drei Stadtteile leicht zu erreichen wäre, wie etwa das Diepmannsbachtal. Auch das Wiesental zwischen Greuel und Grenzwall war im Gespräch. Der Neubau, der schließlich doch für mehr als 2 Millionen DM am alten Standort ausgeführt wurde, beruhte auf Entwürfen des Architekten Dr. Lutz Limmer aus Düsseldorf, der den Ideenwettbewerb gewonnen hatte und sich damit gegen die Entwürfe der Architekten Christian Bauer (Bonn), Friedhelm Krieger (Velbert) und Prof. Gehring (Essen) durchgesetzt hatte. Seiner Planung gemäß wurden die Becken in armiertem Stahlbeton hergestellt, die Kinderbecken erhielten eine unregelmäßige Natursteinumrandung. Die Filteranlage bestand aus einem geschlossenen Filtersystem und wurde in dem zugehörigen Wasseraufbereitungsgebäude untergebracht. Das Restaurant erhielt eine Erfrischungstheke für die Badegäste und eine Terrassenbewirtschaftung. Eine von der Straße her zugängliche Schwimmmeisterwohnung kam als Neuerung hinzu. Die Wege wurden mit Betonplatten versehen – wie überhaupt (zeittypisch) viel Beton verbaut wurde. Die Liegeflächen wurden als Rasenflächen gestaltet, und es wurde großer Wert darauf gelegt, den alten Baumbestand weitgehend zu erhalten.
Im Vorfeld zu lösen war die Parkplatzfrage, denn gerade einmal 50 Jahre nach der Einweihung des alten Strandbades, als die Menschen größtenteils noch auf Schusters Rappen ins Eschbachtal kamen, besaßen so viele Menschen ein Auto, dass die Parkplatzsituation tatsächlich als Herausforderung gesehen wurde! Zunächst hatte man dabei ein Abkommen mit der Bundesautobahnverwaltung geschlossen – so berichtete es jedenfalls der Remscheider General-Anzeiger in seiner Ausgabe vom 17. Mai 1961 –, die seinerzeit für ihren zeitgleich entstehenden „großen Raststätten- und Autobahnmeisterei-Komplex einen großen Parkplatz (Kapazität ca. 400 Wagen) auf Remscheider Gelände“ bauen ließ, der dann auch als Parkplatz für die Strandbadbesucher nutzbar sein sollte; doch dann wurde aus nicht bekannten Gründen beschlossen, einen eigenen Parkplatz für das Strandbad anzulegen, wobei wiederum der Raststättenbau gelegen kam: Dieser hatte große Mengen Erdaushub verursacht, den die Stadt Remscheid dankbar nutzte, um die Talsenke dort zu verfüllen, wo sich bis heute der Parkplatz für das Strandbad befindet.
Im Zuge der Neugestaltung sollte auch der Verschönerungsaspekt nicht zu kurz kommen. So wurde ein Ideenwettbewerb zur künstlerischen Ausgestaltung der beiden Seitenflächen an der Treppe ausgeschrieben: Neun Künstler, mehrheitlich aus Remscheid, waren zur Teilnahme aufgefordert worden. Sie sollten ein „eigenständiges, körperhaften Schmuckstück entwerfen, das den Gedanken des Strömens, Fließens und der kosmischen Gewalt des Wassers in nicht naturalistisch-figürlicher Form zum Ausdruck bringen soll“. Angenommen wurden schließlich je ein Entwurf des Düsseldorfer Künstlers Fritz Rupprecht Mathieu (der übrigens das bis heute gebräuchliche Apotheken-Signet entworfen hat) und des Remscheider Künstlers Heinz Friege, der ein „lustiges Fische-Spiel in Sichtbeton mit Holzbrettstruktur“ schuf. Der Entwurf Mathieus wurde dagegen als Gips-Guss umgesetzt.
Das Richtfest für das neu erbaute Strandbad fand am 4. September 1962 statt. Unter dem Richtkranz hatten sich Vertreter aus Stadtverwaltung und Politik (Bauausschuss, Sportausschuss sowie Ausschuss für öffentliche Gärten und Anlagen) versammelt und feierten zusammen mit den Bauarbeitern bei Flaschenbier und Wurstbroten diesen „heimatgeschichtlichen Augenblick“, wie Dr. Krug es formulierte – natürlich im Regen.
Am 17. August des Folgejahres (natürlich wieder an einem kalten Regentag) wurde das neu gestaltete Strandbad schon vor der offiziellen Einweihung für die Öffentlichkeit geöffnet, obgleich noch nicht alle erforderlichen Arbeiten abgeschlossen waren. Doch der Wettergott hatte ein Einsehen, und so konnten sich die 15 000 Remscheiderinnen und Remscheider, die zu einem reduzierten Eintrittspreis von 50 Pfennigen in den nachfolgenden heißen Sommertagen des Jahres 1963 ins Strandbad kamen, von dieser modernsten bädertechnischen Anlage in ganz Nordrhein-Westfalen überzeugen. Entstanden war ein 50 Meter langes und 21 Meter breites Schwimmerbecken mit 2 400 cbm Inhalt bei einer Tiefe von 1,15 bis 2 Meter und einer 4 Meter tiefen Sprunggrube. Dazu kam ein fast ebenso großes Nichtschwimmerbecken sowie zahlreiche Umkleidekabinen, abschließbare Schränke und drei Sprungbretter. Das gegenüber dem alten Strandbad um mehr als das Doppelte erweiterte Bad war so konzipiert, dass es zu Spitzenzeiten einer Auslastung von 8000 Besuchern gewachsen war. Um ein Drittel hatte man auch die Wasserfläche vergrößert.
Die feierliche Eröffnung, zu der als Gäste Bundesminister Ernst Lemmer, die Stadtoberhäupter der Nachbarstädte und diverse Vereinsvertreter geladen waren, fand dann im Jahr darauf am Pfingstsamstag, den 16. Mai 1964 bei freiem Eintritt statt – zwar nicht im strömenden Regen wie Anno 1912, aber bei kühlten Temperaturen und sehr kaltem Wasser, weshalb der Großteil der geplanten Schwimmvorführungen nicht stattfinden konnte. Doch kaum war der Festakt vorüber, besserte sich das Wetter und das gesamte Pfingstwochenende bescherte dem Strandbad einen wahren Besucheransturm: Von Samstagmittag bis Montagabend verzeichnete man rund 7000 Badegäste!
Diese feierliche Wiedereröffnung liegt nun auch schon über sechzig Jahre zurück – viele Generationen von Remscheiderinnen und Remscheidern jeden Alters haben (wie die Archivarin, die Ihnen diesen Rückblick beschert hat), glückliche Sommertage in diesem wunderschönen Strandbad verbracht. Nun war und ist es an der Zeit, das Bad, an dem die Zeit natürlich ihre Spuren hinterlassen hat, von Grund auf zu sanieren und es fit zu machen für die Zukunft, damit die nächsten Generationen von Menschen in den immer heißer werdenden Sommern dort Abkühlung finden können. Wir wünschen dem Werk auf jeden Fall gutes Gelingen, der Wiedereröffnung ausnahmsweise schönes Wetter und dem Bad noch viele weitere Jahrzehnte seines Bestehens!