Fundstück

„Willenlos folgen sie dem Machtgebote eines Mannes, dessen Endzwecke sie wenig oder gar nicht kennen“

Fundstück des Monats Mai 2024

Am Mittwoch, den 5. Januar 1848 erschien im Lenneper Kreisblatt unter der Rubrik „Litterarisches“ die Rezension eines Büchleins, dessen Verfasser, Wilhelm Joseph Schwedt, seine Erlebnisse als Teilnehmer des Russland-Feldzuges von 1812 und der Freiheitskriege von 1813-1815 festhielt, die er „theils in Schwedischen, theils in Preußischen Diensten“ mitgemacht und nur mit viel Glück überlebt hatte.

Das Büchlein selbst galt zeitweise als verschollen, wie der Remscheider General-Anzeiger in einer Rückschau vom 3. Januar 1963 feststellte. Im Remscheider Stadtarchiv jedoch ist es in zwei Exemplaren vorhanden und bildet diesmal unser Fundstück des Monats.

Joseph Wilhelm Schwedt stammte aus Düsseldorf und war von Beruf Kapellmeister. Ende 1811 (das Großherzogtums Berg, und damit seine Heimatstadt Düsseldorf, war von Napoleon besetzt) wurde der Zwanzigjährige für das französische Militär rekrutiert. Er konnte sich der Konskription nicht entziehen, hatte aber das Glück, beim Musikkorps der Bergischen Truppen eintreten zu können. Alsbald machte das Gerücht eines Feldzugs gegen Russland die Runde, was dann auch geschah: Anfang 1812 begann ein aus sehr verschiedenen Völkerschaften zusammengesetztes, wohlgerüstetes Heer (die Grande Armée) seinen Marsch zur russischen Grenze. Die Grand Armée machte ihrem Namen übrigens alle Ehre: Mehr als 420.000 Soldaten, davon 40.000 Kavalleristen, gehörten allein der ersten Welle der französischen Feldarmee an. Unter ihnen waren 120.000 inkorporierte Soldaten der deutschen "Rheinbund"-Staaten, darunter 20.000 Sachsen. Zusammen mit einem selbständig agierenden 30.000 Mann starken österreichischen Hilfskorps sowie zahlreichen Unterstützungs- und Nachschubtruppen lag die Gesamtstärke der "Großen Armee" zu Feldzugsbeginn bei 475.000 Mann. Inklusive später nachrückender Ersatztruppen mobilisierte Napoleon sogar mehr als 600.000 Soldaten aus halb Europa für den Krieg gegen Russland. Neben Franzosen, Deutschen, Belgiern und Niederländern waren auch Schweizer, Spanier, Italiener und 90.000 Polen dabei. Wilhelm Joseph Schwedt nennt in seinen Memoiren eine Zahl von 617.000 Mann.

Am 15. Februar ging es auch für Schwedt gen Osten. Der Musiker fürchtete um sein Leben. Wie berechtigt diese Angst war, ist bekannt: Von der Großen Armee von 1812 kehrten nach der Niederlage im russischen Winter nur wenige Zehntausend nach Hause zurück. Hundertausende fielen in der Schlacht oder verreckten an Kälte, Hunger und Krankheiten. Bis heute gibt es keine genauen Zahlen über die Verluste.

Doch einstweilen lief es gut für den Kapellmeister Schwedt. Einige Monate blieb er in Stralsund, wo es ihm leidlich gut ging. Über Danzig und Tilsit gelangten die Männer einige Wochen später nach Kowno, wo sich bereits der Mangel an Holz und Stroh zeigte und Essbares nur schwer zu finden war. Die schon vorgedrungene Armee hatte alles verwüstet und die Hütten niedergebrannt, kaum eine Kartoffel war in den Feldern zu finden. Es wurde ununterbrochen marschiert. Dabei fehlte es an Verpflegung und die ersten Soldaten starben an Entkräftung. Bittere Ironie dabei war, dass die Franzosen in den ersten zwei Wochen des Russlandfeldzuges schon 135.000 Mann verloren hatten, ohne dass es überhaupt zu größeren Kampfhandlungen gekommen wäre.

Dann kam der Sommer, der bis in den September hinein große Hitze mit sich brachte, und der „pestilenzialische Gestank von todten Pferden und Menschen ließ noch immer nicht nach“, wie Schwedt notierte. Am 28. September erreichten er und seine Kameraden Smolensk, dort stießen sie auf Massengräber, auf die eilig verscharrten Toten aus der blutigen Schlacht vom 17. August. Da die Russen bei ihrem Abzug die Stadt geräumt und verbrannte Erde hinterlassen hatten, konnten sich Schwedt und seine Kameraden fast gar nicht mehr mit Nahrung versorgen, sie litten Hunger und konnten vor Schwäche kaum mehr laufen. Dazu gesellte sich nach wenigen Wochen auch die Kälte. Der russische Winter zeichnete sich 1812/1813 durch große Strenge aus und nahm dabei ungewöhnlich früh seinen Anfang, wie Schwedt anmerkte. Der erste Frost stellte sich bereits im Oktober ein, der erste Schnee fiel am 6. November. Nach dem bitteren Frost kam schließlich Tauwetter, und die Infanterie steckte auf ihrem Rückzug bis zu den Waden im Schlamm, die Kanonen blieben gleich ganz im Morast stecken. Am 24. November stießen Schwedt und seine Kameraden auf der Straße von Smolensk mit Napoleon und seinem sich von Moskau auf dem Rückzug befindlichen Heer zusammen. Den Anblick des kläglichen Restes der Grande Armée beschreibt der ehemalige Lieutenant beim 1. Großherzoglich-Bergischen Infanterie-Regiment, P. Zimmermann, mit folgenden Worten:

„Die große Armee kam von Moskau herangezogen, grötentheils ohne Waffen und vermummt in allerhand abenteuerliche Kleidung. In höchstem Grade zerlumpt und abgezehrt, gleich Skeletten, den Gräbern entstiegen, wankten die meisten, ein Stück Holz zur Stütze in der Hand, starr vor sich hinsehend, an uns vorüber. Das 9. Corps theilte sofort seine Vorräthe von Lebensmitteln mit diesen Unglücklichen, nicht ahnend, daß ihm das nehmliche Loos in Kurzem bevorstehen werde. Viele vergossen Thränen bei dem Anblicke solch nie gesehenen Elends. Endlich erschien der Kaiser in einem schlechten Pelzrocke, mit einem Stock in der Hand, umgeben von einem Theil seiner alten Garde und seinem Generalstabe. Bei seinem Erscheinen rief das 9. Corps sein: „Vive l’Empereur!“ Er hatte diesen, sonst so gewöhnlichen Ruf wohl lange nicht mehr gehört, und ob er gleich dankte, so blieb er doch finster, und schien dem 9. Corps einen Vorwurf machen zu wollen, daß es Wittgenstein nicht vernichtet und ihm seinen Rückzug besser gesichert habe. Das 9. Corps nahm nun Arriere-Garde, wobei die Berger und Badener wieder die Allerletzten waren.“

Auch die verhängnisvolle Flucht über den Fluss Beresina Ende November wird von Schwedt ausführlich und in allen grausamen Details geschildert. Der Musiker aus dem Bergischen Land erlebte, wie Napoleon mit seinen verbliebenen Getreuen zu Fuß die Brücke über den Fluss passierte, was in dem herrschenden Gedränge schon kaum mehr möglich war, obwohl ausschließlich Generäle und Oberste hindurchgelassen, alle übrigen aber zurückgedrängt wurden. Schwedt setzte sich einen Generalshut auf, den er unterwegs aufgelesen hatte, und konnte im allgemeinen Durcheinander im Gefolge Napoleons die verhängnisvolle Brücke überqueren, die so viele anschließend das Leben kosten sollte:

„Kaum waren wir hinüber“, schreibt er, „da konnte ich wohl sehen, welch ein Glück es für mich gewesen war, auf jene Art den Fluß passirt zu haben. Da jetzt das vermengte Volk Luft und Freiheit hatte, über die Brücke zu stürmen, so konnte es nicht fehlen, daß hie und da durch das Anschwellen der Volksmenge mehrere Menschen von beiden Seiten der Brücke herunter fallen mußten. Wenn nun einer sah, daß er fallen mußte, so hielt er sich an dem, der neben ihm stand, fest, dieser dann wieder an dem folgenden u.s.w. Solches dauerte so lange, bis ganze Reihen von Menschen von der Brücke herabstürzten. So drängte sich eine Welle dieser Elenden auf die andere hin. […] Eben so schlimm war es, daß solche, welche nicht auf die Brücke kommen konnten, von der hintenstehenden Masse geradezu in den Fluß gedrängt wurden. Diejenigen, welche die besten Freunde gewesen waren, mordeten einander um den Vortritt auf der Brücke; die Schwächeren, besonders die Weiber und Kinder, wurden in die düstern Wellen und zwischen die treibenden Eisschollen erbarmungslos hinabgeworfen. Das Wasser strömte aber immer fort, obwohl angefüllt mit Menschen. Mehrere schwammen sogar bis an’s jenseitige Ufer fort; weil aber hier ein Eisrand von 10 – 15 Fuß breit, angefroren war, so konnten die armen, entkräfteten Menschen nicht hinaufkommen, und mußten daher doch noch jämmerlich ertrinken. Ich sah auch, daß Einer oder der Andere einen Kameraden über die Eisdecke hervorziehen wollte; dann aber brach auf einmal das Eis unter ihm, und er mußte mit sammt seinem Kameraden ertrinken.“

Tags drauf wurde es noch schlimmer, denn nun kamen die Angriffe der Russen dazu. Die ganze Gegend um die Brücke war mit Leichen übersät, die Überlebenden krochen auf allen Vieren über sie hinweg. Und den größten Teil der wenigen Überlebenden der Flucht über die Beresina vernichtete anschließend die bittere Kälte: In den Tagen vom 6. bis 8. Dezember sanken die Temperaturen auf minus 27 Grad. Wurden die Geschwächten vom Schlaf übermannt, so war es ihr Todesurteil („Jedes Nachtlager glich einem Schlachtfelde!“). Die Verrohung der Menschen unter diesen Bedingungen wird von Schwedt ebenfalls nicht verschwiegen: „…ich habe selbst solche gesehen, welchen die Kälte und die entsetzliche Angst der Seele schon den Verstand geraubt hatten und die am Wege im Schnee saßen und mit den fürchterlich verzerrten Geberden des Wahnsinns an ihren eigenen, bereits vom Froste geschwärzten Fingern nagten. Andere nagten sogar an den noch warmen oder gerösteten Leichnamen ihrer Kameraden!“

Von Napoleon selbst, den Schwedt in seinem Wagen sitzend lächelnd mit seinem Schwager Murat plaudern sah, wusste er nichts Gutes zu berichten und attestierte ihm angesichts seiner Kälte gegenüber den ihm umgebenden Toten und Verwundeten ein kaltes Herz, einen Mangel an Gemüt und Mitgefühl. Am 5. Dezember, mitten in der bittersten Kälte und höchsten Not seiner Soldaten, übergab Napoleon das Kommando an Murat, kehrte dem Elend den Rücken und machte sich davon nach Paris, um ein neues Heer aufzustellen.

Nach dem katastrophalen Ausgang des Russlandfeldzuges gelang es Napoleon nicht, seine Macht und seinen Einfluss in Deutschland wiederherzustellen. Am 30. Dezember 1812 erklärte der Befehlshaber des preußischen Hilfskorps der Grande Armée, Generalleutnant Johann David Ludwig von Yorck, seinen Truppenverband für neutral und leitete damit das Ende der erzwungenen Allianz Preußens mit Frankreich ein. Preußen erklärte daraufhin Frankreich den Krieg und verbündete sich mit Russland. Widerstand gegen den nicht mehr als unbesiegbar wahrgenommenen französischen Kaiser regte sich überall in Deutschland und wurde insbesondere von der geistigen Elite entfacht und weitergetragen: Johann Gottlieb Fichte, Ernst Moritz Arndt, Theodor Körner, Freiherr Karl vom Stein und andere waren Vertreter einer antifranzösischen und national orientierten Publizistik, die eine Basis für den deutschen Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert bildete. Sie entzündeten Flammen der Begeisterung in der Bevölkerung, die auch unseren jungen Schwedt ergriffen, der während des Russlandfeldzuges so viel Leid erfahren hatte und nur knapp dem Tod entronnen war: „Süß ist es und schön zu sterben für’s Vaterland“, zitiert er in seinen Memoiren den römischen Dichter Horaz, und ohne seine bergische Heimat überhaupt wiedergesehen zu haben, trat er Anfang Mai 1813 als Freiwilliger in das Musikkorps des schwedischen Heeres ein. Es ging über Dessau, Köthen und Halle, bis Schwedt schließlich mit der schwedischen Armee am 17. Oktober 1813 in Leipzig ankam, wo Napoleon seine noch übrigen Streitkräfte gesammelt hatte.

Die Völkerschlacht bei Leipzig, diese vier Tage dauernde, bis dahin größte Schlacht der Menschheitsgeschichte, bei der über eine halbe Million Soldaten Napoleons und seiner zahlenmäßig unterlegenen alliierten Gegner Russland, Preußen, Österreich und Schweden um die Herrschaft in Europa kämpften (von denen Hunderttausend auf dem Schlachtfeld starben), wird von Schwedt auf nur einer halben Buchseite abgehandelt – angerissen muss man wohl besser sagen. Von den apokalyptischen Szenen dieses Massenschlachtens keine Zeile, wo er die Schrecken des hinter ihm liegenden Russlandfeldzuges noch auf mehr als 140 Seiten geschildert hatte. Erst am nächsten Tag nimmt er das Schlachtfeld in Augenschein und notiert:
„Den 19. Oktober zogen noch immer Preußen und Russen durch Leipzig. Wir Schweden blieben aber noch 3 Tage lang vor Leipzig im Lager stehen, wo ich Zeit hatte, das ungeheure meilenbreite Schlachtfeld und das große Elend der Verwundeten zu übersehen; es lagen deren noch mehrere Hunderte da, ohne die geringste Nahrung und Hülfe, ja ohne nur einen Trunk Wassers zu erhalten, weil der Verwundeten gar zu viele waren und die Umgegend zu weitläufig.  Der Verlust in der 4tägigen Schlacht, in welcher fast alle Völker Europa`s gegen einander kämpften, war auf beiden Seiten ungeheuer. Vierzigtausend Leichen aus der Zahl der Verbündeten, und eben so viele von den Franzosen, bedeckten das Schlachtfeld; zahllose Verwundete hauchten im scharfen Herbstfroste unter Gottes freiem Himmel ihr Leben aus.“

Bereits ein Jahr nach der verheerenden Schlacht hatte der Dichter Ernst Moritz Arndt die Idee zu einem Denkmal, das die Gefallenen ehren sollte. 1894 gründet der Leipziger Architekt Clemens Thieme den Deutschen Patriotenbund mit dem Ziel, Spenden für die Errichtung des Denkmals zu sammeln. 1898 reichte die Summe aus, der Grundstein für das nach Entwürfen des Berliner Architekten Bruno Schmitz errichtete Denkmal konnte gelegt werden.

Genau hundert Jahre nach den Ereignissen, am 18. Oktober 1913, wurde das Völkerschlachtdenkmal feierlich eingeweiht. Es versteht sich heute nicht nur als Stätte des Gedenkens an die Toten der Völkerschlacht, sondern auch als Mahnmal für Frieden, Freiheit, Völkerverständigung und europäische Einheit.

Völkerschlacht Denkmal in Leipzig
© Viola Meike

Völkerschlachtdenkmal bei Nacht

Wilhelm Joseph wurde am 1. Mai 1791 in Düsseldorf geboren. Er heiratete in erster Ehe Christine Caroline Bonn aus Essen. Das Paar hatte acht Kinder. Im Jahr 1837 erhielt Schwedt durch die Fürsprache eines ehemaligen Regimentsvorgesetzten eine Anstellung als Chausseegeld-Empfänger und später auch Post-Expediteur in Born, Kreis Lennep. Im darauffolgenden Jahr, am 17. Juli 1838, starb seine Ehefrau. Da die Kinder zum Teil noch klein waren, heiratete Schwedt kurze Zeit später wieder, und zwar Dorothea Sauerwald aus Brilon, mit der er weitere vier Kinder bekam. Wann und wo Wilhelm Joseph Schwedt starb, ist nicht bekannt. 

 

Verfasst von: Viola Meike

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