Der graue November ist ein Monat, in dem man sich gern mit einem guten Buch aufs Sofa kuschelt und sich wegträumt in vergangene Zeiten oder ferne Länder… oder einfach bei einer luftig-leichten Sommergeschichte das nasskalte Wetter vergisst. Nichts anderes hatte die Archivarin im Sinn, als sie beim Stöbern in einem Antiquariat auf den Roman „Lena und die Zauberstadt“ stieß, dem zur besseren Einordnung der Untertitel „Ein rheinischer Kirmesroman“ beigegeben war. Der Autor: Heinrich Rumpff. Sofort wurde das Buch gekauft, und zwar nicht wegen seines wenigversprechenden Titels, sondern weil Buch und Autor eine nicht unwesentliche Verbindung zu Remscheid hatten. Dass dieser Kirmesroman nämlich in Remscheid spielt, dass der Autor offenbar seine (Kirmes-) Erlebnisse in der Werkzeugstadt literarisch verarbeitet hat, war bekannt. Wie tief allerdings die Verbindung nach Remscheid wirklich war, welche Schicksale sich innerhalb der Familie des Autors abgespielt haben, das erschloss sich uns erst im Zuge der Beschäftigung mit dem Schriftsteller Heinrich Rumpff und seiner Lebensgeschichte.
Wenn aber der Autor des Romans die große Remscheider Kirmes im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zum Ort des Geschehens gemacht hat, kommt zwangsläufig die Frage auf, an welchem Punkt seines Lebens es den am 14. Dezember 1897 in Hannover geborenen Sohn eines hochrangigen Frankfurter Polizeibeamten nach Remscheid verschlagen hat – und vor allem: warum?
Die ihn betreffenden Einträge in der historischen Remscheider Einwohnermeldekartei reichen vom 30. Juni 1906 bis zum 19. April 1923. Heinrich Rumpff kam also Ende Juni 1906 zusammen mit seiner vier Jahre älteren Schwester Margarete nach Remscheid, wo die Kinder in der Neuscheider Straße 41 (heute Hindenburgstraße, in unmittelbarer Nähe zum heutigen Gertrud-Bäumer-Gymnasium) bei einer Familie Brand untergebracht waren. Erst Anfang April 1908 zog auch der Vater, Theodor Rumpff, ebenfalls mit ein. Über solche Dinge stolpert man natürlich, wenn man tagtäglich mit personenbezogenem Schriftgut zu tun hat, und man stellt sich die Frage: Wo war der Vater in den zwei Jahren, in denen seine erst acht und zwölf Jahre alten Kinder ohne ihn bei den Brands wohnten? Die Antwort auf diese Frage gibt der Vater selbst, und zwar in einem von ihm verfassten handschriftlichen Lebenslauf vom 4. Juni 1908. Bei der standardmäßigen Abfrage unserer Archivdatenbank stießen wir nämlich – womit wir tatsächlich nicht gerechnet hatten – auf eine Personalakte des „Polizeirats a. D. Theodor Rumpff“ aus der Zeit von 1908 bis 1915. Ganz offensichtlich hatte Heinrich Rumpffs Vater bei der Remscheider Stadtverwaltung gearbeitet. Die Mühe, alles Weitere zu recherchieren, blieb uns erspart - hören wir, was der Vater des Schriftstellers selbst über seinen Lebensweg bis zu diesem Zeitpunkt berichtet:
„Ich bin geboren am 15. Juni 1867 zu Frankfurt a. M. als Sohn des Königlichen Polizeirats und Dr. jur. Ludwig Rumpff, und dessen Ehefrau Anna, geb. Körner. Letztere ist am 9. März 1872 verstorben, mein Vater am 13. Januar 1885 ermordet worden [!]. Ich besuchte das Gymnasium meiner Vaterstadt und bestand zu Michaelis 1886 das Abiturienten-Examen. Alsdann widmete ich mich auf den Universitäten zu Marburg, Berlin und Bonn dem Studium der Rechte und bestand am 28. Februar 1891 vor dem Oberlandesgerichte zu Cöln die erste juristische Prüfung. Darauf war ich 9 Monate bei dem Amtsgerichte zu Höchst a./M., woselbst ich am 12. März 1891 vereidigt wurde, als Gerichtsreferendar tätig und trat alsdann in den Verwaltungsdienst über. Ich fand zunächst bei der Königlichen Polizeidirektion zu Aachen informatorische Beschäftigung. Am 1. April 1892 erhielt ich eine etatsmäßige Hülfsarbeiterstelle bei dem Königlichen Polizei-Präsidium zu Hannover, woselbst ich sechs Jahre tätig war.“
Am 25. Mai 1898 wurde Theodor Rumpff zum Polizei-Assessor ernannt und nach Wiesbaden versetzt, vier Jahre später erfolgte ein erneuter Wechsel des Dienstortes, diesmal ging es nach Stettin, zum dortigen Königlichen Polizei-Präsidium, wo er am 21. September 1892 zum Polizeirat ernannt wurde. In seine erwähnte Dienstzeit in Hannover fielen sowohl seine Hochzeit als auch die Geburt seiner beiden Kinder, Margarete und Heinrich. Er schreibt weiter:
„Am 21. Mai 1892 habe ich mich mit Bertha Brand, einer Tochter des damals zu Hückeswagen wohnhaften Kaufmanns Herrn Heinrich Brand und dessen Ehefrau Bertha geb. von Polheim, verheiratet. Dieser Ehe entstammen zwei Kinder, ein jetzt 15jähriges Mädchen und ein Knabe, der jetzt 10 Jahre alt ist. Meine Frau wurde mir am 14. Februar 1903 in Stettin durch den Tod entrissen. Seit jener Zeit befiel mich ein schweres Nervenleiden, das mich zwang, eine Anstalt aufzusuchen. Wegen meiner Erkrankung wurde ich am 1. Januar 1905 von Amtswegen pensioniert. Ich habe über vier Jahre in der Anstalt Tannenhof bei Lüttringhausen zugebracht. Jetzt bin ich wiederhergestellt und wohne seit dem 1. April d. Js. bei meinem Schwiegervater, hierselbst Neuscheider Str. 41, woselbst sich meine Kinder, welche hiesige Schulen besuchen, befinden.“
Nun wird auch verständlich, warum die Kinder ohne ihren Vater bei Familie Brand untergebracht waren: Der Witwer, der nach dem Tod seiner Frau psychisch offenbar so schwer angeschlagen war, dass er in einer Nervenheilanstalt aufgenommen werden musste, gab Sohn und Tochter in die Obhut seiner Schwiegereltern, die sich die folgenden zwei Jahre um die Enkelkinder kümmerten. Der Schwiegervater Heinrich Brand, am 17. Oktober 1836 in Kleinheubach bei Aschaffenburg geboren, war zu dem Zeitpunkt schon siebzig Jahre alt, seine Frau Bertha, Tochter des Hückeswagener Bäckers und Gastwirts Peter von Polheim, fünf Jahre jünger.
Nach Theodor Rumpffs Entlassung aus der erst 1896 eröffneten „Heil- und Pflegeanstalt für Gemüts- und Geisteskranke“ Tannenhof in Lüttringhausen fühlte sich der ehemalige Polizeirat, der ja immerhin erst 41 Jahre alt war, wieder gesund genug, um einer Berufstätigkeit nachzugehen. Der Weg zurück in den Polizeidienst war ihm verwehrt, daher versuchte er sein Glück beim Remscheider Oberbürgermeister Otto Nollau. Er glänzte dabei nicht nur mit seinem dienstlichen Werdegang, sondern hatte auch exzellente Referenzen aufzuweisen. Er schreibt: „…darf ich Euer Hochwohlgeboren vielleicht eine Rückfrage bei seiner Durchlaucht, dem Prinzen von Ratibor, jetzigen Regierungs-Präsidenten in Aurich, empfehlen, der […] über meine Leistungen und Fähigkeiten sich zu äußern bereit sein wird.“ Nollau, der wie Rumpff in Bonn Jura studiert hatte, war angemessen beeindruckt und verschaffte dem Familienvater eine Stelle in der Remscheider Stadtverwaltung. Da Rumpff keine hoheitlichen Aufgaben wahrnehmen sollte, beauftragte man ihn mit der Zusammenstellung der für Remscheid geltenden Ortsstatute, Verordnungen, etc. mit dem Ziel, diese in einem „Remscheider Bürgerbuch“ zusammengefasst zu veröffentlichen. Das Bürgerbuch, ein echtes Mammutwerk, stellte der disziplinierte Beamte Rumpff übrigens in fünfjähriger Arbeit fertig, und wer sich dafür interessiert, findet es bei uns im Remscheider Stadtarchiv.
Doch kommen wir kurz zurück auf ein überaus interessantes, aber bisher beiseite geschobenes Detail aus der Rumpff’schen Familiengeschichte: In seinem Lebenslauf erwähnte Theodor Rumpff, sein Vater sei ermordet worden. Und auch, wenn das Fundstück des Monats zunächst nur dem Rumpff-Roman mit dem lädierten Einband gewidmet sein sollte, ist eine solche Aussage einfach zu verführerisch, als dass die Archivarin in der Chronologie der Ereignisse fortfahren könnte, ohne daran hängenzubleiben. Hier also ein kurzer Exkurs zu Dr. jur. Ludwig Rumpff aus Frankfurt am Main:
Der aus einer alten Frankfurter Familie stammende Ludwig Franz Rumpff war ursprünglich Leutnant beim Frankfurter Linienmilitär. Nach einem schweren Reitunfall musste er 1852 seine Offizierslaufbahn aufgeben und studierte daraufhin Jura. Nach seiner Promotion trat er 1857 als Kommissar in den Dienst der Frankfurter Polizei. Rumpff galt als äußerst tüchtiger und zugleich unerbittlicher Kriminalist. Nach dem Erlass des Sozialistengesetzes 1878 widmete er sich als Chef der Kriminalabteilung und der politischen Polizei besonders intensiv der rücksichtslosen Verfolgung und Unterdrückung der Arbeiterbewegung, wobei er sich allerdings auch zweifelhafter Methoden bediente. Zur kriminalistischen Leidenschaft wurde ihm speziell die Bekämpfung des Anarchismus, der damals mit terroristischen Gewaltakten ganz Europa in Atem hielt. Nachdem anarchistische Gruppen am Tag des Kaiserbesuchs zur Eröffnung des Opernhauses 1880 eine große Flugblattaktion in Frankfurt gestartet hatten, ließ Rumpff eine riesige Ermittlungsmaschinerie anlaufen, womit er unter dem fragwürdigen Einsatz eines Polizeispitzels rasche Erfolge erzielte. Auch nach dem versuchten Attentat auf den Kaiser bei der Einweihung des Niederwalddenkmals im September 1883 war Rumpff maßgeblich an der Ermittlung und Verhaftung der Täter beteiligt. Im folgenden Hochverratsprozess vor dem Leipziger Reichsgericht, der kurz vor Weihnachten 1884 für zwei der Angeklagten mit einem Todesurteil endete, trat zum wiederholten Male der Frankfurter Polizeirat als Sachverständiger auf, womit er seinen internationalen Ruf als „Anarchistenfresser“ noch bekräftigte. Mehrfach wurde er selbst deswegen das Ziel von Anschlägen. So war am 30. Oktober 1883, während der Ermittlungen nach dem Attentatsversuch vom Niederwald, eine Ladung Dynamit unter der Treppe im Polizeipräsidium explodiert, wobei das alte Gebäude des Clesernhofs erheblich beschädigt wurde. Rumpff, dem der Anschlag offensichtlich gegolten hatte, blieb unverletzt.
Am Abend des 13. Januar 1885 wurde Ludwig Rumpff im Vorgarten seines Wohnhauses mit einem Dolchstoß durch Herz und Lunge ermordet. Als mutmaßlicher Täter wurde der Schustergeselle Julius Lieske kurz darauf eher zufällig verhaftet, in einem dreitägigen Schwurgerichtsverfahren im Leinwandhaus im Sommer 1885 zum Tode verurteilt und am 17. November 1885 in Kassel hingerichtet. Bis zuletzt beteuerte dieser jedoch seine Unschuld. Sicherlich war er aber Mitwisser, und möglicherweise hat er das Opfer festgehalten, während ein anderer den tödlichen Stich ausführte. Unter Anarchisten, so belegen die Dokumente, war „der eigentliche Rumpff-Mörder“ bekannt. Manches deutet darauf hin, dass es der Schneider August Peschmann gewesen ist, der dem Frankfurter Polizeirat einst eine Zuchthausstrafe im ersten Leipziger Hochverratsprozess verdankte. In Folge des Attentats verschärfte man in Frankfurt den Kurs gegen die sozialistische Arbeiterbewegung.
Kommen wir nach diesem Exkurs zurück zu Theodor Rumpff und die Jahre in Remscheid zwischen 1908 und 1915. Die Familie zog 1912 in eine Wohnung in der Hochstraße, gleich neben Rumpffs Arbeitsplatz im erst wenige Jahre zuvor neu erbauten Rathaus. Der ehemalige Polizeirat arbeitete am Remscheider Bürgerbuch, das zu Beginn des Jahres 1913 fertiggestellt war und durch die Buchdruckerei von Hermann Krumm gedruckt und vertrieben wurde. Rumpff erhielt für die geleistete Arbeit übrigens eine einmalige Zusatzzahlung von 500 Mark aus der Stadtkasse. Das Leben im Hause Rumpff verlief in den Remscheider Jahren insgesamt in ruhigen Bahnen. Dann aber traf ein neuerlicher Schicksalsschlag die Familie: Der Familienvater erkrankte schwer und starb zwei Wochen später, am 15. April 1915 im Alter von 47 Jahren. Sein unerwarteter und viel zu früher Tod machte seine Kinder (Margarete war zwar schon volljährig, aber Heinrich erst siebzehn Jahre alt und noch in der Schule) zu Waisen. Theodor Rumpff wurde nicht nur von seiner Familie tief betrauert, auch sein Arbeitgeber, die Stadt Remscheid, bedachte den verstorbenen Königlichen Polizeirat a. D. mit Worten aufrichtigster Wertschätzung. Er sei nicht nur äußerst fleißig gewesen, sondern auch überaus beliebt - hauptsächlich wegen seines anspruchslosen, liebenswürdigen und zuvorkommenden Wesens und seiner „vornehmen Denkungsart“, wie es im Nachruf hieß. In ähnlicher Weise äußerte sich der Gemeindebeamten-Verein, dem Theodor Rumpff bis zu seinem Tod angehörte.
Durch seinen frühen Tod erlebte der leidgeprüfte Witwer nicht mehr mit, wie seine Kinder ins Leben starteten: Margarete wurde Lehrerin und Heinrich verschrieb sich nach dem Studium in Bonn der schreibenden Zunft. Und welche Karriere dieser Heinrich Rumpff machte, der sich immer als Remscheider verstand und seine bergische Heimat im 1942 erschienenen Roman „Lena und die Zauberstadt“ literarisch verarbeitete, werden wir im kommenden Fundstück des Monats erzählen. Seien Sie gespannt!
Verfasst von Viola Meike